Palliativmedizin – Interview zum Thema mit Dr. med. Bärbel Darui

Palliativmedizin – Interview zum Thema mit Dr. med. Bärbel Darui
Palliativmedizin - Interview - Symbolbild

„Sterben unter würdigen Bedingungen“ | Kaum ein Thema wird gesellschaftlich so sehr tabuisiert wie dieses

Ein Beitrag von Michael H. Schmitt | Die Auflage der aktuellen BD-NACHLESE ist bereits seit Tagen in den meisten Auslagestellen vergriffen. Zum dort veröffentlichten Interview mit der Burloer Ärztin und Palliativmedizinerin Dr. med. Bärbel Darui zum Thema „Sterben unter würdigen Bedingungen“ haben wir viele Reaktionen erhalten. Das Thema stieß offenbar auf außergewöhnlich großes Interesse bei den Leserinnen und Lesern. Aus diesem Grund möchten wir auch den Interessierten, die kein Exemplar des Lokalmagazins erhalten haben, Gelegenheit geben, sich auf diesem Wege ebenfalls über das Thema zu informieren.

Einleitung

Pro Jahr versterben in Deutschland rund 800.000 Menschen. Die Mehrzahl davon erleidet nicht etwa einen plötzlichen und unerwarteten Tod, sondern im Regelfall versterben sie nach einer längeren medizinischen Versorgung und/oder Pflegephase. Dabei wurde das Sterben in den vergangenen Jahrzehnten aus dem früher üblichen, privaten Umfeld, immer mehr in die Krankenhäuser, die Pflegestationen oder in die Hospize verlagert und somit weitestgehend aus dem Alltag verdrängt.

Kaum ein Thema wird in unserer Gesellschaft so sehr tabuisiert wie der Prozess des Sterbens. Erst dann, wenn es absehbar dem Ende entgegen geht, der Mensch sich plötzlich vor eine unheilbare Krankheit und somit vor die Konsequenz seines Ablebens gestellt sieht, sind Betroffene und zumeist auch die dem Sterbenden nahestehenden Angehörigen bereit, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Es geht um ein selbstbestimmtes Sterben in Würde. Nicht zuletzt deshalb wurden in der Vergangenheit unzählige Debatten über Patientenverfügungen und Versorgungsvollmachten, der Sterbehilfe mit den Abgrenzungen zwischen assistiertem Suizid und der vor dem Gesetz nach wie vor verbotenen, aktiven Sterbehilfe sowie zu den Themen Ethik und Moral geführt.

Palliativmedizin soll einerseits die Lebensqualität und die Selbstbestimmung des Patienten durch lindernde Maßnahmen weitestgehend erhalten – andererseits darf sie dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Sterben nicht entgegen wirken. Auf das palliativmedizinische Personal kommen im Arbeitsalltag somit viele Entscheidungsprozesse zu, bei denen die Wünsche des Patienten und/oder die der nahestehenden Angehörigen zwar immer im Vordergrund stehen, die aber auch eine durchaus sensible Bewertung ihres Handelns aus juristischer Sicht erfordern. Was die palliativen Netzwerke und die dort wirkenden Fachpflegekräfte und Ärzte/Ärztinnen am Ende eines menschlichen Lebens tatsächlich leisten können und welche Hürden dabei zu überwinden sind, darüber sprach Redakteur Michael H. Schmitt ausführlich mit der Burloer Fachärztin für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin Dr. med. Bärbel Darui.

Interview

Dr. med. Bärbel Darui

  • 48 Jahre, verh. mit Dr. med. Alexander Darui, 2 Kinder
  • leitet seit 2003 gemeinsam mit ihrem Ehemann die Gemeinschaftspraxis in Burlo
  • seit 2005 Fachärztin für Allgemeinmedizin
  • seit 2016 als Palliativmedizinerin Mitglied im Palliativmedizinischen Konsiliardienst Kreis Borken-Süd
  • Ihre Hobbys: Familie, Sport, Reisen u. Musik (spielt gerne Schlagzeug)

Wann kommt das Palliativnetzwerk zum Einsatz und wer führt im Einzelfall eine Entscheidung darüber herbei, ob ein Palliativmediziner hinzugezogen werden sollte?

„In der Palliativmedizin begleiten wir Patienten und Patientinnen, die im Regelfall nur noch eine sehr begrenzte Lebenserwartung haben. In diesem letzten Lebensabschnitt wird der Umfang der erforderlichen, medizinischen Betreuung des Patienten aus unterschiedlichsten Gründen für die Haus- und Fachärzte immer aufwendiger und in vielen Fällen kaum noch leistbar. In der Mehrzahl der Fälle ist es also der Haus-oder Facharzt, der die Fachkräfte der Palliativmedizin unterstützend hinzuzieht.“

Wie sieht die Arbeit des Palliativ-Teams dann genau aus? Geht es da eher um die psychosoziale Betreuung von Patienten und Angehörigen oder eher um die medizinische Begleitung unter Verabreichung spezieller Medikamente?

„Am Anfang der palliativmedizinischen Betreuung stehen zunächst einmal die Wünsche der Patienten/Patientinnen, die im Gespräch abgefragt werden. Tatsächlich steht in allen Belangen der Palliativmedizin die Würde des Menschen, also des Patienten, im Vordergrund. Es geht darum, Schmerzen und Leiden zu lindern, den Betroffenen zu ermöglichen, so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben, sofern das gewünscht wird. Natürlich stehen wir auch den nahestehenden Angehörigen, die mit der Situation oftmals überfordert sind, beratend und helfend zur Seite. Dabei verstehen wir als Palliativmediziner uns nicht etwa als allein kämpfende Spezialisten, sondern setzen immer auf das gesamte Team, zu dem speziell ausgebildete Pflegekräfte, Haus- und Fachärzte, nahestehende Angehörige/Familie und auch Seelsorger gehören, sofern der Wunsch danach besteht. Insofern ist die palliativmedizinische Betreuung eher ein Mix aus psychosozialer Arbeit, die oftmals auch über den Tod des Patienten hinausgeht, aber eben auch aus medizinischer Tätigkeit am und für den Patienten.“

Können Sie das vielleicht an einem Beispiel verdeutlichen?

„Nehmen wir als Beispiel den Fall eines Menschen, der vielleicht etwas älter als 80 Jahre ist und eine ausgeprägte Herzschwäche hat. Mehrere Operationen und Therapien haben keine spürbare Verbesserung des Gesundheitszustands erbracht. Die Luft des Patienten wird immer knapper und der Zustand verschlechtert sich deutlich. Der Pflegedienst ist bereits unterstützend tätig und auch die Angehörigen kümmern sich um den Patienten. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, dass den pflegenden und versorgenden Personen, vielleicht auch nur unterschwellig, klar wird, dass es nun zeitnah mit dem Patienten zu Ende gehen könnte. In dieser Situation versuchen wir zunächst einmal, über ein Gespräch Zugang zum Patienten und auch zu den nächsten Angehörigen zu finden. Es geht dann vor allem darum, einerseits in Erfahrung zu bringen, welche Wünsche der Patient hat und ihm andererseits zu verdeutlichen, dass ihm eine bestmögliche, medizinische Versorgung zuteil werden soll. Auch Grundsätzliches wie die Frage, ob der Patient überhaupt zuhause bleiben oder lieber in eine Klinik, in ein Hospiz verlegt werden möchte, ist an dieser Stelle bereits zu berücksichtigen und wird in den ersten Gesprächen abgefragt. Im Anschluss werden dann alle Maßnahmen getroffen, um die „letzten Tage“ des Patienten möglichst komfortabel und seinen Wünschen entsprechend zu gestalten. Dazu gehören auch die Einbeziehung von Pflegediensten, soweit noch nicht geschehen, oder auch Hinzuziehung sonstigen, oftmals ehrenamtlich tätigen Pflege- und Hilfspersonals. In diesem Zusammenhang sei auch der ambulante Hospizdienst erwähnt, der mit seinen ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen herausragende und für die Familien entlastende Arbeit leistet. Um bei unserem Beispiel zu bleiben und die medizinisch-praktische Seite zu beschreiben, geht es darum, die mit der Erkrankung im Regelfall einhergehenden Symptome medikamentös zu mildern oder zu kontrollieren – immer unter dem Vorbehalt dessen, was der Patient wünscht.“

Ist es denn nicht immer der Wunsch eines Sterbenden, möglichst schmerz- und leidensfrei aus dem Leben zu scheiden?

„Tatsächlich ist die Vorstellung der Betroffenen höchst unterschiedlich. Es gibt Patienten/Patientinnen, die diesen Wunsch äußern. Es gibt aber auch Menschen, die auf die Verabreichung sedierender Medikamente verzichten, um auch in dieser Phase des Lebens möglichst präsent zu sein.“

Bei den Recherchen zum Thema findet man immer wieder Kernsätze wie diese: Palliativversorgung soll interdisziplinär und multiprofessionell sein. Ist das vor dem Hintergrund des aktuell viel diskutierten Pflegenotstands überhaupt noch leistbar?

„Dass aufgrund fehlenden oder überlasteten Personals in den Krankenhäusern und Arztpraxen die Situation nicht einfacher geworden ist, ist ganz sicher unstreitig. Die gewaltige Bürokratie im Gesundheitswesen kommt dazu noch oben drauf. Und dennoch ist der Anspruch auf bestmögliche Begleitung sterbender Menschen nach wie vor gewährleistet. Nicht zuletzt aufgrund der eingerichteten Palliativ-Netzwerke. Klar ist aber auch, dass Zeit endlich ist, somit auch die verfügbare Zeit eines Arztes oder einer Ärztin. Neben den Aufgaben in der Palliativmedizin hat jeder Mitwirkende in den Netzwerken ja auch noch sein normales Tagesgeschäft – zumeist in den niedergelassenen Arztpraxen. Nachbesserungsbedarf gibt es also in vielen Bereichen des Gesundheitswesens, auch hier.“

Nun ist es ja so, dass ein Arzt, eine Ärztin, am Ende der Ausbildung ein Gelöbnis ablegt, in dem es unter anderem heißt: Oberstes Gebot ärztlichen Handelns ist Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit der Patienten. Steht dieses Gelöbnis nicht im Widerspruch zur Palliativmedizin?

„Ich sehe hier kein Konfliktpotenzial zwischen dem Gelöbnis und meinem Handeln als Palliativmedizinerin. Klar ist, dass wir in der Palliativmedizin all das tun, um ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Insofern helfen wir dem Menschen auch in den Stunden seines Ablebens oder auch im Zeitraum davor. Die Würde des Menschen ist unantastbar, auch am Sterbebett. Am ehesten ließe sich das vielleicht so erklären, dass wir den Menschen die belastenden Symptome im Sterbeprozess nehmen, wir sorgen dafür dass sie von dem, was sie belastet, entlasten, ohne den Eintritt des Todes zu beschleunigen oder ihn gar herbeizuführen. Tatsache ist aber auch, dass es, wenn man es so nennen will, durchaus juristische Grauzonen gibt. Ich würde mir wünschen, dass da seitens der Politik und des Gesetzgebers eindeutiger formuliert wird.“

Welche Grauzonen könnten das sein, gibt es da ein Beispiel?

„Sofern jemand am Ende einer Tumorerkrankung ist, alle Therapien ausgeschöpft sind, gäbe es die Möglichkeit einer palliativen Sedierung. Das heißt, man könnte den leidenden Patienten in einen medikamentös herbeigeführten Schlaf versetzen und diesen Zustand aufrecht erhalten, in dem er schmerzfrei ist und später während des Schlafes sterben wird. Auch während des Schlafes lässt sich medizinisch feststellen, ob es dem Patienten gut geht, er schmerzfrei ist oder eben nicht. Wenn ich als Ärztin sehe, dass es dem Menschen auf diesem Wege gut geht, dann kann ich sehr gut damit leben. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Menschen wissen möchten, was mit ihnen im Prozess des Sterbens geschieht. Sie stellen Fragen wie: Muss ich jetzt Todeskämpfe aushalten? Muss ich vielleicht ersticken? Muss ich nun mit den Schmerzen zurechtkommen, bis ich sterbe? Ich würde mir aus ärztlicher Sicht eindeutigere Formulierungen in der Gesetzgebung wünschen.“

Thema Wünschen. Welche Wünsche hat die Palliativmedizinerin, die sie unseren Leserinnen und Lesern vielleicht mit auf den Weg geben möchte?

„Wichtig ist mir, dass die Betroffenen und deren Familien wissen, dass der Hausarzt in den Tagen und Wochen vor dem zu erwartenden Tod eines Menschen der wichtigste „Teamplayer“ ist. Wir als Palliativmediziner stehen da nur zur Seite, sofern es sich bei dem Patienten, der Patientin nicht ohnehin um die eigenen Patienten handelt. Darüber hinaus ist das Thema < mehr Offenheit > in der Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten etwas, was ich mir wünschen würde. Offenheit über Erkrankungen und Diagnosen, gegenüber den Betroffenen und innerhalb der Familien. Auch, wenn es schwierig ist, sich über Themen zu unterhalten, über die man nach wie vor eigentlich nicht reden möchte. Oftmals werden aus vermeintlichem Schutz der Betroffenen Themen verschwiegen, nicht angesprochen, was ich für falsch halte. Üblicherweise redet man über den Tod kaum oder gar nicht. Erst dann, wenn im eigenen Lebensumfeld vielleicht jemand verstorben ist und Hinterbliebene noch miterlebt haben, welchen Weg der Mensch in den letzten Stunden seines Lebens gegangen ist, wird das Thema vielleicht präsenter, erklärbarer. Vielfach quälen sich Menschen bis in den Tod, weil sie nicht loslassen können. Häufig genug erleben wir Begebenheiten, in denen der Patient nicht gehen will, weil er noch für seinen Partner da sein muss, für die Kinder, die Enkelkinder oder sogar die Urenkel. In solchen Situationen wünsche ich mir dann, dass es dem Menschen rechtzeitig gelingt, loszulassen. Dies gilt in gleichem Maße auch für die Angehörigen. Am Ende bringt es für alle Beteiligten eine geradezu wohltuende Entspannung – auch in Zeiten wie denen des Sterbens.“

Vielen Dank für das informative Gespräch und die Zeit, die Sie sich für unsere Leserinnen und Leser genommen haben.

Mehr Informationen zum Thema finden Sie unter anderen auf der Homepage des Palliativnetzwerkes unter: www.palliativ-kreis-borken.de

AUSZUG AUS DER CHARTA ZUR BETREUUNG SCHWERSTKRANKER UND STERBENDER MENSCHEN IN DEUTSCHLAND
Leitsätze

  • Wir werden uns dafür einsetzen, ein Sterben unter würdigen Bedingungen zu ermöglichen und insbesondere den Bestrebungen nach einer Legalisierung der Tötung auf Verlangen durch eine Perspektive der Fürsorge und des menschlichen Miteinanders entgegenzuwirken. Dem Sterben als Teil des Lebens ist gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.
  • Wir werden uns dafür einsetzen, dass Versorgungsstrukturen vernetzt und bedarfsgerecht für Menschen jeden Alters und mit den verschiedensten Erkrankungen mit hoher Qualität so weiterentwickelt werden, dass alle Betroffenen Zugang dazu erhalten. Die Angebote, in denen schwerstkranke und sterbende Menschen versorgt werden, sind untereinander so zu vernetzen, dass die Versorgungskontinuität gewährleistet ist.
  • Wir werden uns dafür einsetzen, dass der Umgang mit schwerstkranken und sterbenden Menschen thematisch differenziert und spezifiziert in die Aus-, Weiter- und Fortbildung der Beteiligten in den verschiedensten Bereichen integriert wird.
  • Wir werden uns dafür einsetzen, auf dieser Basis interdisziplinäre Forschung weiterzuentwickeln und den Wissenstransfer in die Praxis zu gewährleisten, um die Versorgungssituation schwerstkranker und sterbender Menschen sowie ihrer Angehörigen und Nahestehenden kontinuierlich zu verbessern.
  • Wir werden uns für die internationale Vernetzung von Organisationen, Forschungsinstitutionen und anderen im Bereich der Palliativversorgung Tätigen einsetzen und uns um einen kontinuierlichen und systematischen Austausch mit anderen Ländern bemühen. Wir lernen aus deren Erfahrungen und geben gleichzeitig eigene Anregungen und Impulse.

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